Urheberrecht I (2011)

Ich habe mich viel über die “Contentindustrie” und die Piraten, besonders aber über anonymous und die Google-Lobby geärgert, aber auch gewundert.

Lasst uns gemeinsam und konstruktiv an einer Lösung schnitzen, die:

1. Den Urheber und seine Leistung schützt, würdigt und angemessen entlohnt.
2. International verbindlich und durchsetzbar ist. Spielregeln, die gemeinsam vereinbart werden.
3. Keine Bürgerrechte beschneidet.
4. Die Freiheit des Internets sicherstellt.

Der ganze Gut-und-Böse-Mist langweilt mich. Warum die Diskussionen endlos sind, ist leicht zu erklären. Die Interessen sind nicht konvergent, um es vornehm auszudrücken. Aber dafür gibt es ja einen politischen Willensbildungsprozess. Demonstrationen, Debatten, Abstimmungen, Gesetze. Nur den Hinterzimmerlobbyismus brauchen wir wirklich nicht dazu.

Auch nicht uninteressant wie Herr Beckedahl bei der Konkretisierung der Bedrohung ins Stammeln kommt. Ich halte die Arbeit, die er in den vergangenen Jahren gemacht hat für sehr wichtig und wertvoll. Vieles davon hätte in den Parlamenten stattfinden müssen. Die jüngsten Entwicklungen deuten allerdings darauf hin, dass Organisationen wie digiges, D64 und irights zu Lobbyorganisationen von Google werden, die genau das tun, was Herr Beckedahl anprangert, nämlich intransparent und im Verborgenen Einfluss auf Entscheidungen zu nehmen, die der Politik vorbehalten sein sollten. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an Googles co://aboratory, Fördergelddiskussionen und die Enquetekommission.

Dass die verschiedenen Gruppierungen der Kostenloskultur (ich hasse diesen Begriff, aber er beschreibt vermutlich die wahren Motive, die im übrigen vor allem den großen Infrastrukturbetreibern nützen – vom Regen in die Traufe…)
es schaffen, Massen zu mobilisieren und zwar durch Desinformation, finde ich äusserst bedenklich. Desinformation und Herdentrieb haben in unserem Land eine sehr tragische Geschichte.

Empörung verläuft in Wellen, die Wellenlängen nehmen weiterhin ab. Ein Nahrungsmittelskandal zur Ablenkung wäre doch ein Job für mittellose Journalisten .

Zu den o.g. 4 Zielen: Die stammen nicht von mir, ich habe sie nur aus einem langen Meinungsbildungsprozess herausdestilliert. Es geht hier um die Abwägung von Rechtsgütern, der BWLer würde von konfliktierenden Zielen sprechen. Man kann nicht von allem 100 % gleichzeitig erreichen. Das sind Aufgaben, die in der BWL mit Operations Research gelöst werden, mathematischen Methoden, die nach Optimalergebnissen fahnden. Ausserdem ist einiges von dem, was zur Debatte steht, weder prognostizierbar noch quantifizierbar.
An dieser Stelle kommen bei Unternehmen neben den nackten Zahlen immer auch quasimoralische Punkte (mission statements etc.) ins Spiel und oft auch mehr oder weniger willkürliche Führungsentscheidungen. Bei Frau Merkel ist nur damit zu rechnen, dass sie das Thema solange liegen lässt bis die Realität irgendein Ergebnis produziert hat.

Die absurde Situation beim Urheberrecht ist aber, dass niemand eine Gesamtverantwortung hat oder sieht, alle Interessengruppen unvereinbare Ziele vortragen, keine Kompromisse wollen und kein Entscheidungsdruck herrscht.

Die Frage aller Fragen bleibt auch unbeantwortet:

Wie verdiene ich mit meiner Leistung Geld im Internet?
Oder gehe ich lieber zu Schlecker arbeiten? Oder soll ich mich aufhängen?

Verlage werden noch eine Weile zappeln und es wäre gut, zu Lösungen zu kommen, bevor sie ausgezappelt haben. Das würde uns nämlich eine Kulturlandschaft erhalten, die ich sehr schätze. Gilt genauso für alle anderen Kreativen.

Das geschraubte Gequassel hier und da zeigt nur, dass sehr wenige der Kritiker schon einmal im kreativen Bereich wirklich gearbeitet haben und Einkünfte erzielen mussten. Da ist mir dann auch die Meinung der AS PR Abteilung Jacke.

Sie drehen sich solange im Kreis bis Sie eine Lösung der leistungsgerechten Bezahlung aller Produktiven haben. Dann werden auch die Verleger alles digital machen. Dann brauchen wir sie aber nicht mehr. Deswegen wollen sie etwas anderes – was sie aber nicht bekommen werden. Ich könnte mir vorstellen, dass sich die meisten längst umorientiert haben und anderweitige Investments eingegangen sind.

Leid tut es mir um die wirklichen Leistungserbringer, Journalisten, Grafiker, Fotografen, Musiker etc.. Die mussten sich schon bedeutend früher etwas anderes suchen, sehr zum Nachteil der Kultur und der Konsumenten, auch wenn das gerne anders dargestellt wird.

Das “Entbündeln” ist Theorie. Es geht ums nackte Überleben und zunächst werden noch die Lieferanten (i.e. Journalisten, Musiker etc.) ausgequetscht, dann will man noch Stütze vom Staat und dann wird der Laden zugemacht. Ich sehe die Dinge aus der Urheberperspektive und vieles ist bereits den Bach heruntergegangen, Musik, Journalismus und jetzt Bücher und Filme. Die Verwerter bekommen viel zu viel Raum in der Debatte. Sie werden in den meisten Fällen in Zukunft nicht mehr gebraucht, oder wenn, dann nur, wenn sie wirklich einen Mehrwert beisteuern.

Mein genereller Ansatz ist darüber nachzudenken, wie man das Publikum wieder mit dem Urheber versöhnen kann, so dass es die Leistung wieder angemessen honoriert. Z. Zt. kellnern viele von denen, aber ich bin ein hoffnungsloser Optimist und denke, dass es Möglichkeiten gibt in Zukunft, die wir uns jetzt noch nicht vorstellen können. Ich mache 3 Kreuze, wenn die nichtmehrwertstiftenden Ebenen in der Verwertung weg sind. Aber das allerwichtigste ist dabei, dass nicht dauernd selbstberufene Experten sagen, dass “alles kostenlos” sein müsse, das “Produkt keine Nachfrage” habe, wenn etwas einmal im Netz sei “es anderswo keinen Wert mehr habe” etc. . Das alles ist erkennbarer Quark von interessierter Seite.

Falsche Frage. Die Frage muss lauten: “Warum wird der Journalist/Fotograf nicht mehr oder nicht ausreichend bezahlt?”
oder
“Warum sind die Leute, die das lesen, nicht mehr bereit für deren Leistung zu bezahlen?”

Mit den Verlegern habe ich wenig Mitleid, die hatten Zeit genug. Das ist jetzt deren Napster/iTunes Moment.

Würden sich die Beteiligten, alle Beteiligten wohlgemerkt, an kaufmännischen Grundsätzen orientieren, gäbe es viele Mitspieler, die nur den Verkehr aufhalten, jetzt schon nicht mehr.

Das ständige Preisdrücken, “Kostenlosvermarkten” gäbe es nicht.

Wie können wir den Untergang beschleunigen und die wertvolle Kultur bewahren, die dann auch bezahlt wird?

Solange es keine funktionierenden Zahlungsströme gibt, gehen Verlage, Labels etc. unweigerlich pleite. Gleichzeitig muss die Kassenhäuschenstruktur für “danach” installiert werden.